„Irgendwas geht immer“ fließt gerade ein wenig zäh dahin, und als mir in der Buchhandlung ein altbekannter Autor unter die Nase gekommen ist, habe ich ihn kurzerhand dazwischengeschoben: Mal wieder Eric-Emmanuel Schmitt, wie gewohnt knackig kurz (gut 200 Seiten) und gespickt mit philosophischen Fragestellungen.
Tazio Firelli fühlt sich neben seinen bildschönen Brüdern,
die beide Stars sind, mehr als mittelmäßig. Er beschließt seinem Dasein ein
Ende zu setzen und möchte sich von den Klippen stürzen. In letzter Sekunde hält
ihn der exzentrische Künstler Zeus-Peter Lama auf. Der unterbreitet ihm, in
bester Mephisto-Manier, ein Angebot: Wenn er nach 24 Stunden immer noch nicht
seine Lust am Leben wiedergefunden haben sollte, bringt er ihn zurück zu den
Klippen.
Der vermeintliche Wohltäter entpuppt sich jedoch schnell als menschenverachtender Egomane. Tazio soll für ihn zur lebendigen Statue werden, mit dem klangvollen Namen "Adam Zwei". Der von Selbsthass zerfressene Mann zögert nicht lange, übereignet seinen Willen dem Künstler und wird nach schmerzhaften Operationen zum Ausstellungsobjekt. Dass ihn die Aufgabe seiner menschlichen Existenz nicht glücklich macht, versteht sich von selbst.
Eine zufällige Begegnung am Strand mit zwei „echten“ Künstlern
und eine aufkeimende Liebe erwecken Sehnsucht nach der Rückkehr in ein
selbstbestimmtes Leben. Doch Lama ist natürlich nicht ohne Weiteres bereit, auf
das prestigeträchtigste Projekt seiner Karriere zu verzichten...
Vordergründig hat Schmitt eine Parodie auf die Welt der
Kunst geschaffen, die nicht nur komisch ist, sondern oft auch ins Schockierende
und geradezu Ekelerregende abgleitet:
„Auf dem Podest waren drei nackte junge Frauen zu sehen und
auf der Leinwand lediglich eine Tomate. –Sehen Sie wirklich…das da? fragte ich.
– Was? – Eine Tomate. – Wo sehen Sie denn eine Tomate? – Auf ihrer Leinwand. –
Tomate? Was heißt hier Tomate, Sie Einfaltspinsel, das ist das Ur-Rot!“ (S. 29)
„Ein Künstler ergoß die Eingeweide frisch geschlachteter
Schweine über die weißen Leiber vorpubertärer Schönheiten. Ein anderer hatte
seine Haut mit Haken gespickt und sich daran zur Saaldecke hieven lassen […] Am
spaßigsten aber waren die Paillasson-Brüder, acht Brüder, die, mit
Lendenschurzen bekleidet, der Länge nach auf dem Boden lagen und so die
Besucher zwangen, auf sie zu treten, wenn sie den Saal verlassen wollten.“ (S.
118/119)
Doch es geht um viel mehr. Was macht das Menschsein eigentlich
aus? Kann ein Mensch zum Objekt degradiert werden? Wie wertvoll ist die
persönliche Freiheit? Warum geben wir sie freiwillig auf? Was macht uns
einzigartig unter den vielen „schöneren“, „besseren“ Menschen auf dieser Welt?
So erfährt Tazio beispielsweise, dass seine hochgelobten
Brüder ebenfalls nicht frei und glücklich sind und dass es manchmal einer anderen
Perspektive bedarf, um das Leben und das eigene Selbst schätzen zu können.
Prinzipiell ist dies wieder ein echter Schmitt, kurzweilig
und inhaltsreich. Doch vielleicht habe ich mittlerweile zu viel von ihm
gelesen, um noch so begeistert wie am Anfang zu sein. So hat mich die Liebesgeschichte
irgendwie gestört, denn es ist ein Grundmuster des Schriftstellers, dass unsere
gesamte Existenz letztendlich ihren Sinn in der Liebe erfährt. Ein
wunderschöner Gedanke, eigentlich. Aber nach zehn Werken hat man die Botschaft wohl
ein wenig zu häufig vernommen.
Ich finde das trotzdem verzeihlich und vergebe mit gutem
Gewissen vier Coons!
Verlag: Fischer Taschenbuch * TB * Juni 2012 * 240 Seiten * 978-3-596-19292-2